Abschied von dem letzten Aalkutter und den Fischbänken bei Leutesdorf

Ein Aufsatz von P. Brudermanns aus dem Jahr 1965.
Interessant zu lesen ist auch, dass der Autor bereits vor fast 55 Jahren von „unsere gehetzte Zeit“ schreibt.
(Heimatkalender 1965 des Landkreises Neuwied, S. 145/ 146)

Das Beitragsfoto zeigt einen Aalkutter auf dem zugefrorenen Rhein; (C) unbekannt

Bei einer Rheinfahrt beobachtet man meistens dort, wo der Strom noch den ungestörten Zauber eines stimmungsvollen Idylls und seine tiefe Versonnenheit bewahrt hat, jene derbgebauten Schuten, die man nie fahren sieht.
Ihre Aufgabe scheint dem Unkundigen darin zu bestehen, immer irgendwo still vor Anker zu liegen. Doch beim näheren Zusehen gewahrt man an ihrem Mast den schweren Netzbaum, an dem die schwarzen und braunen Netze zum Trocknen hängen. Nur diese langen Netze mit ihren sich verjüngenden Reusen verraten, daß hier auf geheimnisvolle Weise Fischfang getrieben wird.
Es sind die Aalkutter, auch Aalschogger (Anm. Aalschokker) genannt.
Viele Jahre lag ein solcher Aalkutter bei Leutesdorf am Ufer der anmutigen Insel Namedy.


Er war zu einem festen Bestandteil des Leutesdorfer Rheinblicks geworden. Jetzt hat das gewohnte Rheinbild sich plötzlich verändert. Der Aalkutter hat Abschied genommen. Sein in Leutesdorf wohnender Eigentümer hat ihn, durch die Verhältnisse gezwungen, aufgegeben.
Als Netzmeister des Bundes-Fischerei-Forschungsinstituts in Hamburg vertauschte er seinen bisherigen Arbeitsplatz in der Geborgenheit des heimatlichen Stromes, mit den Unbilden und Fährnissen der weiten Weltmeere und trat in den Dienst der Hochseefischerei.
Die Verschmutzung des Rheines, besonders durch Industrieabwässer und Öl, sowie die starke Motorisierung der Schifffahrt, haben den Fischen den Geschmack am Rheinwasser ganz gründlich verdorben, nachdem dadurch auch schon vor Jahren die Schwimmer aus den Fluten des Rheines verwiesen wurden.
Während es in früheren Zeiten dem Strom gelang, sein Wasser mehr oder weniger selbstständig mechanisch und biologisch zu regenerieren, muss er heute gewissermaßen vor sich selbst kapitulieren, da er nicht mehr die Kraft besitzt, einem derartigen Grad der Verschmutzung Herr zu werden.

Das gleiche Schicksal wie die Aalschogger erlebten die Fischbänke, die sogenannten Lauerbänke, die man früher bei vielen Rheinorten am Rheinufer sah.
Auch sie sind in den letzten Jahren verschwunden.
In Leutesdorf standen immer zwei solcher Lattenstege am Rheinufer, die weit in den Strom hineinragten.

Blick über Leutesdorf auf die Fischbänke bei Namedy (Nach einem Aquarell von Martha v. Laffert)

An einem vorgebauten Balken hing an gekreuzten Stahlbogen das große Netz. Über eine Rolle wurde es an einem Seil ins Wasser gelassen und nach einer Weile wieder hochgezogen. Mit einem Köcher an einer langen Stange holte man die zappelnde Beute aus dem Netz und legte sie in einen im Wasser stehenden Kasten.
Vor der Lauerbank waren gegen den Strom mit Steinen beschwerte Holzböcke ins Wasser gebaut, die lange Lattenroste hielten. Diese hatten die Aufgabe, die Strömung abzufangen, das von den Fischen bevorzugte ruhige Wasser zu schaffen, sowie das Netz vor Treibgut zu schützen.
An Schaulustigen fehlte es bei dieser geruhsamen Fischerei selten.
Unsere gehetzte Zeit kommt nicht dazu, vom Abschied dieser Zeugen beschaulichen Lebens am Strom Kenntnis zu nehmen.
Eine Epoche ging zu Ende.
Gewandelt hat sich auch das altvertraute Strombild, die Zeit der Aalkutter und Fischbänke ging zu Ende, und das einzig Beständige, das bleibt, ist die stete Veränderung.

Der Ortsunkundige findet auf dieser Karte die beschriebenen Orte

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In eigener Sache: Es geht in dieser schnelllebigen Zeit zu vieles verloren und Geschichten, die von einem vermeintlich ruhigeren Leben berichten, schlummern meist auf nimmer Wiedersehen in irgendwelchen Büchern und Archiven. Dem möchte ich mit solchen Beiträgen entgegenwirken. Man möge mir verzeihen.

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